04.11.2004

Platte des Jahres Nr. 8

Ein akustisches Kleinod. Ein ebenso halsbrecherischer wie ausbalancierter Stilmix. Spielerisch. Feministisch. Bewegend. Unverwechselbar. Jemand nannte dies "urban gospel" ? das trifft's natürlich nicht, obwohl?.

Coco Rosie: La Maison De Mon Reve
CD (Import, z.B. über a-musik Mailorder)

Les s?urs Casady ont toutes deux un organe magnifique. Les deux seules membres de Cocorosie ont passé leur enfance ensemble jusqu'à ce que leur chemins divergent, l'une étudiant l'Opéra ("Candy land") et traînant à Rome, et l'autre vivant à Paris. Le brusque retour de l'une dans la vie de l'autre les a amenés à vivre ensemble, à Montmartre.

Sierra chante, joue de la guitare et de la flûte, Bianca, elle, chante aussi et fait les bruits étranges que l'on peut entendre dans l'album. Aucun projet musical en commun n'était prévu de la part des deux s?ur originaires de Brooklyn, jusqu'à ce que l'une rejoigne l'autre dans on appartement parisien. Une émulation s'opère, et durant l'été 2003, elles commencent à enregistrer ensemble, dans le petit appartement, ce qui sera le premier album de CocoRosie.

Compositions crépitantes, alliées à un couple de voix magnifiques, et à un sens de la mélodie hors pair. La musique de CocoRosie est de toute beauté et surprends dès les premières secondes, et plus encore lorsque l'on se rend compte, au fur et à mesure de l'écoute, que la qualité du songwriting des premiers titres ("Terrible angels", "By your side") est de mise du début à la fin de l'album("Lyla").

Empruntant le charme des vieux vinyles jazzys, cet album tranche dans le vif, et se fait rapidement une place parmi les bonnes nouvelles du milieu d'année. Beaucoup de choses se retrouvent ici, du trip hop, du jazz, du gospel, du folk, du scratch, de l'electro, et même de la musique concrète.

"Billie Hollyday chantant sur un remix trip hop d'une balade folk-blues" serait une bonne illustration du cocktail détonnant dont les deux charmantes demoiselles sont les responsables. Une guitare, quelques sons d'ambiance, du talent, deux voix d'anges auxquels on ne peut que succomber : un album d'une pureté, d'une simplicité déroutante qui fait mal au c?ur tant il est beau.


So steht's im Netz bei http://divertissements.msn.fr/musique/cocorosie/bio/

Ein Stück als Kostprobe hier: Good Friday.

stock um 10:04 | Best of the Ear 2004
TrackBack (1) | 25 Kommentare | Artikel versenden

01.11.2004

Platte des Jahres Nr. 7

G. Rag Y Los Hermanos Patchekos: Cadeau Bizarre
CD, LP, 2003

Schon aus dem vergangenen Jahr, aber wer's nicht kennt ? Musik aus Bayern für die Welt mit viel Welt drin: Latin, Son, Country, Schuhplattler? Angelehnt offenbar an Marc Ribot & Los Cubanos Postizos, aber derber. Sehr rührend und auch komisch. Eine Platte wirklich mit Stimmungsmusik. Und mit Megaphonen. Und ein großer Wunsch wäre: dieses Elferensemble mal live zu sehen.

stock um 00:23 | Best of the Ear 2004
TrackBack (1) | 4 Kommentare | Artikel versenden

27.10.2004

Platte des Jahres Nr. 6

Nik Bärtsch: Rea
CD, 2004

Wiederholung und Variation sind so ausgereizte kompositorische Mittel, welche neue Musik könnten sie noch hervorbringen? Die Frage mag stellen, wer das Quartett von Nik Bärtsch noch nicht gehört hat. Mit Klavier, Bassgitarre, Schlagzeug und Perkussion geht es auf die Bühne.

Erste Überraschung: Die Jazzbesetzung spielt Funk.

Zweite Überraschung: Der Funk steht auf der Stelle. Die spielen immer dasselbe! Ein Motiv Mal um Mal um Mal...

Dritte Überraschung: Die spielen doch nicht immer dasselbe; es verändert sich, aber so minimal... Nach einer Viertelstunde hat die Sache einen Namen: Steve Reich trifft James Brown.

Aber dann - vierte Überraschung - kann man auch schon kaum noch stillsitzen: Die Extremitäten fangen an zu zucken, und es braucht nicht lange, da zappelt der ganze Saal wie letztens beim Jazzfestival in Schaffhausen.

Schaffhausen liegt in der Schweiz, und eben diesem Wunderland feinmechanischer Präzision entstammt Nik Bärtsch. Ekstase durch Askese nennt er seine Idee, Zen-Funk das Resultat.

Schublade auf, Schublade zu.

Doch die fünfte Überraschung ist: Obwohl die Musik kein Geheimnis enthält, obwohl ihr Prinzip sich rasch mitteilt, obwohl sie einen zappeln macht, baut sie eine wachsende, lustvolle, geradezu schmerzende Spannung auf, bis einem der Kopf platzt und das Hirn himmelwärts davonfliegt. So ähnlich muss dieser Tantrasex sein, von dem die Illustrierten seit Jahrzehnten schreiben!

Was an dieser Assoziation stimmt, ist das Körperliche. Hier wird viel wiederholt und wenig variiert, aber alles hat Hand und Fuß. Jede Tonschleife spielen die Musiker selbst. Kein Computer, kein Sampler nimmt ihnen Arbeit ab.

Der Bandleader erzählt, er habe lange nach einem Perkussionisten suchen müssen, der bereit ist, zwanzig Minuten lang immer nur ping zu spielen und nicht einmal ping-ping. Wenn der schließlich irgendwann so ersehnt wie völlig überraschend doch ping-ping spielt - ist der Effekt umwerfend.

Bärtsch, 33, verfeinert seine Ästhetik manueller Repetition seit Jahren, solo am Piano und in verschiedenen Formationen. Daher gibt es bereits ein halbes Dutzend CDs mit seinen Modulen. Sein jüngstes Album Rea bringt das Paradox aufs Schönste zum Klingen: Je starrer das Gerüst, desto stärker die Bewegung.

stock um 19:17 | Best of the Ear 2004
TrackBack (0) | 17 Kommentare | Artikel versenden

26.10.2004

Platten des Jahres Nr. 4 & 5

Auch die nächsten beiden Titel der Liste ? wie gesagt: Reihenfolge spielt keine Rolle ? sind hier schon hier und da erwähnt worden:

Jack Johnson: Brushfire Fairytales
CD, LP, 2000

Jack Johnson: On And On
CD, LP, 2003

Jack Johnson macht keine Musik, die man noch nie gehört hätte. Keine neue Richtung, kein wilder Stilmix oder so. Sondern, hm, wenn's nicht so gestrig klönge: Rockballaden, Songwriting. Aber seine Kunst liegt darin, wie er es macht: luftig, elastisch, entspannt, von ansteckender musikalischer Leichtigkeit? Die Sonne geht auf. Das Meer glitzert.

Das ist gar nicht hoch genug zu schätzen: Einem strapazierten Genre, von dem man glauben konnte, daß es sich über die Jahre erschöpft hätte, so eine unerhörte Frische zu verleihen.

Diese beiden, schon vor einiger Zeit erschienenen Platten vor wenigen Wochen entdeckt zu haben: welch ein Glück!

stock um 10:53 | Best of the Ear 2004
TrackBack (0) | 1 Kommentar | Artikel versenden

25.10.2004

Platten des Jahres Nr. 1, 2 & 3

Die ersten drei kommen für die Kundschaft dieses Weblogs nun nicht überraschend. Reihenfolge hat übrigens nichts zu sagen; nicht einmal, daß diese drei den Anfang machen.

Ludwig: Von Gestern
Musicassette, 2004; derzeit vergriffen, wird hoffentlich neu aufgelegt
Deutschsprachige Popopopmusik mit bißfesten Texten und Gitarre/Cello-Groove

Kings Of Convenience: Riot On An Empty Street
CD, LP, 2004
Simon & Garfunkel des 21. Jahrhunderts. Anglonorwegische Balladen. Eingängig & unaufdringlich, aktuell, zeitlos

Nouvelle Vague: Nouvelle Vague
CD, LP, 2004
Punks & Bullen & Dosenbiersaufen & Haß auf alles haben vs. Bossa Nova und die lasziven Stimmen junger, unbeleckter Französinnen. Im Bett aufgenommen, dort (auch) zu hören

stock um 13:16 | Best of the Ear 2004
TrackBack (0) | Kommentieren | Artikel versenden

Grundsätzliches zu Platten des Jahres

Weihnachten naht. Die einen suchen nach schwingenden Geschenken, die anderen werfen ihre Brennöfen an, um für Freunde und Verwandte Best-of-the-year-CDs anzufertigen oder, wenn ihnen an etwas ganz besonderem gelegen, ein klassisches Mixtape. Da kann eine kleine Liste hilfreich sein. Sie ist naturgemäß subjektiv und baut sich nach und nach auf. Zu den wichtigen Platten können auch welche aus Vorjahren zählen, wenn sie jetzt erst an die Ohren gefunden haben oder immer noch dran sind. Denn die Qualität einer Musik hängt ja überhaupt nicht ab von ihrem Alter. (Musikkritiker besprechen immer die neuesten Alben; manche sind noch nicht einmal erschienen, und man steht dann wie doof im Laden. In diesem Punkt ist die Literaturkritik wesentlich entspannter.)

stock um 12:42 | Best of the Ear 2004
TrackBack (0) | 4 Kommentare | Artikel versenden